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Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen

Das Luther-Denkmal in Bielsko.Die Geschichte der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen ist mit der Reformationsbewegung, die mit Martin Luther in Deutschland begann und sich allmählich in europäischen Ländern verbreitete, verbunden. Die reformatorischen Schriften erreichten Polen sehr früh. Kaufleute und Studenten, die aus Wittenberg und Königsberg nach Hause zurückkehrten, brachten Luthers Schriften mit. Bereits 1518 wurden evangelische Predigten in Gdańsk (Danzig) und Jawor (Jauer) in Niederschlesien gehalten. Die reformatorischen Ideen wurden zuerst von Gelehrten und Bürgern, später vom Adel übernommen. In manchen Regionen des Landes verbreiteten sie sich auch unter den breiten Massen der Landbevölkerung. Sehr schnell erreichten die Thesen der Wittenberger Reformation Ober- und Niederschlesien. Im Jahr 1523, also knapp fünf Jahre nach dem Auftreten Martin Luthers gegen die mittelalterliche Praxis des Ablassverkaufs und zwei Jahre nach dem Landtag in Worms, berief der Stadtrat von Wrocław (Breslau) den ehemaligen Mönch Jan Hess, der im Geist der Wittenberger Reformation predigte, zum Propst der evangelischen Gemeinde der Maria Magdalena-Kirche.

Von der Reformation erfasst

Aus Niederschlesien und Krakau gelangten die reformatorischen Gedanken ins Teschener Schlesien. In den letzten Regierungsjahren des Teschener Fürsten Kazimierza II (Kasimir II.) waren sie bereits recht bekannt. Hier wurde auch das Volk von der Lehre der Reformation erfasst. Die Gegenreformation unter der Regierung der Habsburger konnte sie nicht mehr ausrotten.

Die Reformation in Masuren verlief anders. Herzog Albrecht, der letzte Hochmeister des Deutschen Ordens, war mit der Lehre Luthers in Wittenberg vertraut geworden, löste den Orden auf und wurde ein weltlicher Fürst, der dem polnischen König Zygmunt Stary (Sigismund dem Alten) auf dem Krakauer Markt huldigte. Obwohl sich die polnischen Könige nicht der Reformation angeschlossen hatten, sicherten sie dem Luthertum im königlichen Preußen Schutz und Entwicklungsmöglichkeiten zu. Nach dem Tode von Herzog Albrecht sicherte König Zygmunt August (Sigismund August) dem königlichen Preußen im Jahre 1569 zu, die evangelische Religion nach dem Augsburger Bekenntnis zu bewahren. Das Luthertum verbreitete sich auch im ganzen Pommern.

Gleichberechtigung der Konfessionen

Die Annahme der Lehre Luthers oder Calvins durch den Adel war von großer politischer Bedeutung. Binnen kurzer Zeit erreichten die Evangelischen die Mehrheit der Abgeordneten im Sejm, dem polnischen Parlament, was sich in den Gesetzen zur Druck- und Konfessionsfreiheit, der Aufhebung der kirchlichen Zensur und der kirchlichen Gerichte zeigte. In der Warschauer Konföderation von 1573 kam es zur Gleichberechtigung der Konfessionen.

Die Reformation verbreitete die Meinung, dass auch die einfachen Menschen die Bibel lesen dürfen und sollen. Die evangelischen Schulen zeichneten sich durch ein hohes Niveau aus. Die Aufklärungstätigkeit trug zur Entwicklung der Kultur bei.

In die Zeit der Reformation in Polen fiel das "goldene Zeitalter" der Kultur in der Geschichte der Res Publica – damals entwickelte sich die Buchdruckerkunst und es entstand die Nationalliteratur. Im Jahr 1551 erschienen im Verlag von Jan Seklucjan die vier Evangelien in polnischer Sprache, ein Jahr später das Neue Testament und im Jahre 1563 die ganze Bibel (die so genannte Brester- oder Radziwiłł-Bibel).

Gegen soziale Ungleichheit

Kirche in Bielsko-Bia aMan druckte auch Postillen, es entwickelte sich die konfessionelle Publizistik. Drei große Komponisten der Renaissancezeit schufen Lieder für die evangelische Kirche: Wacław aus Szamotuły, Cyprian Bazylik aus Sieradz und Mikołaj Gomółka.

Eine Besonderheit der polnischen Reformation war die religiöse Toleranz. Durch die Synoden wurde eine demokratische Ordnung in der Kirche eingeführt, die sich auch gegen soziale Ungleichheit wandte und die Bürger und Bauern in Schutz nahm. Im blutüberströmten Europa blieb Polen ein Land ohne Scheiterhaufen. Dadurch hat die Reformation die Grundlage für die Entwicklung zur Ökumene gelegt. Davon zeugt eine Vereinigungssynode der Reformierten Kirchen und der Kirche der Böhmischen Brüder, die 1555 in Koźminek stattgefunden hatte. Diesen Kirchen schloss sich die Lutherische Kirche 1570 auf der Synode in Sandomierz an.


Beginn der Gegenreformation

Die Zeit der Reformationsentwicklung wurde jedoch bald nach dem Sejm-Gesetz der Warschauer Konföderation beendet, das die Gleichberechtigung und den konfessionellen Frieden eingeführt hatte. Nachdem dieses Gesetz von 1573 mit dem Bann belegt worden war, begann die Gegenreformation. Trotz aller religiösen Verfolgungen überlebte der Protestantismus auf polnischem Boden. Aber erst im 18. Jahrhundert erlaubte König Stanisław Augus Poniatowski (Stanislaus August Poniatowski) den Evangelischen, die Trinitatiskirche in Warschau zu erbauen. Auf schlesischem Gebiet erlaubte Kaiser Joseph I. im Vertrag von 1707 zusätzlich den Bau von sechs Kirchen: in Żagań (Sagan), Kożuchów (Freystadt), Jelenia Góra (Hirschberg), Kamienna Góra (Landshut), Milicz (Militsch) und Cieszyn (Teschen). Sie wurden als Gnadenkirchen bezeichnet, weil der Kaiser durch den Vertrag nicht zur Bauerlaubnis gezwungen worden war. Das Toleranzpatent seines Nachfolgers, Kaiser Joseph II., ermöglichte die Wiederbelebung des kirchlichen Lebens im Teschener Schlesien.

Wechselvolle Geschichte

Kirche bei CieszynDer Zuzug evangelischer Bauern und Handwerker aus ganz Europa im 19. Jahrhundert förderte nicht nur die Entwicklung des Protestantismus, sondern auch die der Industrie und Landwirtschaft. Der Zweite Weltkrieg unterbrach den Prozess der kirchlichen Stabilisierung. In den Konzentrationslagern und Gefängnissen kamen etwa 30 Prozent der evangelischen Geistlichen ums Leben, unter ihnen auch Juliusz Bursche, der Bischof der Kirche. Die Politik der Nachkriegsregierungen verminderte die Zahl der Gemeindeglieder und der Gemeinden. Dank der systematischen Arbeit und der Bemühungen der Gläubigen wurde das Leben der Kirche wieder stabil und entwickelte sich weiter.