Die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien ist die Kirche der lutherischen deutschen Minderheit des Landes, vornehmlich in Siebenbürgen. Ihre Geschichte geht auf das 12. Jahrhundert zurück, als sich deutschsprachige Siedler im Land (damals Ungarn) niederließen. Diese hatten schon vor der Reformation hier eine gemeinschaftsgeprägte politische und kirchliche Sonderstellung (Entwicklung eines genossenschaftlichen Gemeindeaufbaues, Wahl eigener Richter, eigene Pfarrerwahl durch die Gemeinden, eigenes Zehntrecht, Organisation der Gemeinden in Dekanaten).Annahme der Confessio Augustana
Die Reformation setzte in den Städten, die ein reges, in Zünften geordnetes Handwerkswesen hatten und einen weitreichenden Handel trieben, schon um 1520 ein, sie kam unter der Leitung des Kronstädter Humanisten und Schulmannes Johannes Honterus (1498-1549) zum Durchbruch und wurde von der Sächsischen Nationsuniversität, dem autonomen politischen Landstand der Siebenbürger Sachsen, 1550 offiziell in allen deutschen Städten und Landgemeinden eingeführt. Dabei kam es zu einem direkten Anschluss an Wittenberg (Briefe von Luther, Melanchthon, Bugenhagen und Eber), zur Ausbildung eigener Bekenntnistexte und zur offiziellen Annahme der Confessio Augustana (1572).Enge Beziehungen zu Universitäten
![]() | Im selbständigen Fürstentum Siebenbürgen (bis 1687 unter türkischer Oberherrschaft, nachher, bis 1919, Teil des Habsburgerreiches), gab es seit 1568 Religionsfreiheit für die fünf Konfessionen des Landes (römisch-katholisch, orthodox, lutherisch, calvinistisch-reformiert, unitarisch). Die Lutheraner unterhielten durch die ganze Zeit ihres Bestehens enge Beziehungen zu den Universitäten in Westeuropa, vor allem zu denen in Deutschland. Sie entwickelten ein gutes allgemeines Schulwesen und verfügten über mehrere Gymnasien. Die großen geistigen Bewegungen wie Orthodoxie, Pietismus, Aufklärung und Liberalismus fanden auch in ihrer Kirche Eingang, wenn infolge des intensiven Gemeinschaftslebens immer wieder auch ein verharrender, konservativer Geist und eine ausgeprägte lutherische Gemeindefrömmigkeit zur Geltung kamen.
Hervorragende Gestalten des 19. Jahrhunderts waren der als Pestalozzi-Schüler und als Volksmann hervorgetretene Pfarrer Stephan Ludwig Roth (1796–1849) und der Historiker und Bischof Georg Daniel Teutsch (1817–1893), der der Kirche im Kampf um die nationale Existenz ihr besonderes volkskirchliches Gepräge gab. |
Einschneidende Krisen im 20. Jahrhundert
Das 20. Jahrhundert war für die Kirche durch tiefe, einschneidende Krisen gekennzeichnet. Nach dem Übergang des Landes zu Rumänien (1919) folgten die Erschütterung durch die Weltwirtschaftskrise und das Eindringen nationalsozialistischer Gedanken auch in die Kirche, wogegen sich Widerstand regte. Das Ende des 2. Weltkrieges brachte die Vorherrschaft der Sowjetordnung für ganz Rumänien und es kam zur völligen Enteignung und zur Deportation der arbeitsfähigen Deutschen. Auch das kirchliche Schulwesen und die diakonischen Einrichtungen wurden aufgelöst. Die Kirche konnte sich zwar in der neuen Lage unter Leitung der Bischöfe Friedrich Müller (im Amt 1945–1969) und Albert Klein (im Amt 1969–1990) zunächst erholen. Weil sie schon vorher dem Lutherischen Weltkonvent zugehörte, galt sie bereits seit seiner Gründung 1948 als Mitgliedskirche des Lutherischen Weltbundes, und 1961 trat sie dem Ökumenischen Rat der Kirchen bei.Ökumenischen Kontakte
Diese ökumenischen Kontakte wurden für sie und für ihr geistliches Überleben wichtig. 1949 konnte sie, nachdem die Auslandsverbindungen durch den Eisernen Vorhang weitgehend unterbrochen waren, eine eigene Ausbildungsstätte für ihre Geistlichen, in Zusammenarbeit mit den übrigen protestantischen Kirchen des Landes, ein Theologisches Hochschulinstitut gründen. Doch die politische und wirtschaftliche Lage im Land führte zur allmählichen Erosion des Gemeindelebens durch die zunehmende Auswanderung der Gemeindeglieder. Nach dem politischen Umschwung in Rumänien im Dezember 1989 und der Öffnung der Grenzen kam es zu einer massiven Ausreisewelle. Die einst zahlreichen Gemeinden schrumpften und heute zählt die Kirche, die trotz großer Verluste nach dem Krieg noch 180.000 Seelen aufwies, nur noch rund 14.500 Gemeindeglieder. Doch die Kirche hat den zahlenmäßigen Niedergang überlebt und sich in die völlig veränderte Diasporasituation mitlerweile eingelebt und konsolidiert.
